Wer in Frankfurt zur Schule geht, hat je nach Stadtteil eine völlig andere Zukunft vor sich. Die Gebäude verfallen, die Chancen sind ungleich verteilt – und die Politik reagiert mit halbherzigen Lösungen. Dabei gäbe es bessere Antworten, denn Frankfurt kann mehr.

Postleitzahl entscheidet über Zukunft

Stellen wir uns zwei Frankfurter Kinder vor. Beide sind gleich alt, gleich neugierig, gleich motiviert. Doch das eine lebt im Westend – und wechselt nach der Grundschule mit einer Wahrscheinlichkeit von 93 Prozent aufs Gymnasium. Das andere wächst in Sossenheim auf – dort sind es gerade einmal 37 Prozent. Nicht der Fleiß, nicht das Talent, nicht der Ehrgeiz entscheiden. Der Wohnort entscheidet. Das ist keine Statistik am Rande, das ist ein strukturelles Versagen. Während das kleine Westend allein fünf Gymnasien beherbergt, gibt es im gesamten Frankfurter Westen – sieben Stadtteile! – genau eine einzige gymnasiale Oberstufe.

Schulen verfallen – und Provisorien werden zum Dauerzustand

Gleichzeitig bröckeln die Wände. Die Sanierung der Georg-Büchner-Schule dauerte vier Jahre – zweieinhalb davon länger als geplant. Die Kosten überstiegen das Budget um 6,5 Millionen Euro. Als die Schülerinnen und Schüler endlich einziehen durften, patrouillierten noch immer Sicherheitsleute in Warnwesten durch die Flure, weil die Brandschutzanlage noch nicht abgenommen war. Kein Einzelfall: Frankfurt hat 228 Sanierungsprojekte an seinen Schulen identifiziert.

Das ist das Ergebnis jahrzehntelanger Vernachlässigung. Besonders bitter: Das Adorno-Gymnasium feierte sein 10-jähriges Jubiläum im Interim. Die IGS Süd wurde wegen Einsturzgefahr in ein weiteres Provisorium ausgelagert. Die IGS 15 sitzt seit acht Jahren in einer abgängigen Containeranlage. Gymnasium Süd, Gymnasium Römerhof, KGS Niederrad – alle warten noch auf ihre Neubauten. Und teure Büroflächen wie am Ben-Gurion-Ring werden angemietet, stehen jahrelang leer und kosten die Stadt Millionen – ohne einen einzigen Schulplatz zu schaffen. Das ist kein Pech. Das ist Missmanagement.

Die Antworten: Was Frankfurt jetzt besser machen muss

Die Probleme sind bekannt. Was fehlt, ist der Mut zur konsequenten Lösung. Es gibt durchaus Ansätze, die Hoffnung machen – wenn man sie endlich ernst nimmt.

  1. Bildungsbaugesellschaft: Schritt in die richtige Richtung – aber zu klein
    Ab April 2026 soll eine neue städtische Bildungsbaugesellschaft die Sanierung von 14 Schulen beschleunigen, indem sie außerhalb bürokratischer Abstimmungsschleifen arbeitet. Das ist klug – aber nicht genug. Mit 10 Millionen Euro Jahresbudget für 14 Schulen bei 228 Baustellen ist das Symbolpolitik. Viele fordern zu Recht ein verbindliches Programm von mindestens zehn abgeschlossenen Sanierungen pro Jahr – mit klaren Prioritäten, verkürzten Entscheidungswegen und geregelten Zuständigkeiten zwischen Stadt, ABG Frankfurt Holding und Schulbaugesellschaft.
  2. Bildungsinfrastruktur muss gerecht umgesetzt werden
    Es kann nicht sein, dass der Stadtteil über die Schulform entscheidet. Frankfurt braucht einen verbindlichen Schulentwicklungsplan, der Bildungsangebote gezielt in unterversorgte Stadtteile bringt – nicht als Almosen, sondern als strukturelle Investition in sozialen Zusammenhalt.
  3. Schulleitungen entlasten, Autonomie stärken
    Wer eine Schule gut führen will, darf nicht gleichzeitig drei andere mitverwalten. Bildungsforscherin Britta Klopsch vom KIT fordert mehr Vertrauen, weniger Verordnungen – und Experimentierklauseln, die Schulen echten pädagogischen Spielraum geben. Das kostet nichts außer politischen Mut.
  4. Digital stark machen statt verbieten
    KI und Digitalisierung sind längst im Alltag der Schülerinnen und Schüler angekommen – das Bildungssystem hat das noch nicht begriffen. Medienkompetenz statt Handyverbote. Lehrkräfte, die wirklich digital weitergebildet werden. Das ist keine Vision – das ist Grundausstattung für die Zukunft.

Frankfurt kann mehr – auch bei Bildung

Bildung ist kein Randthema der Stadtpolitik. Sie ist das Fundament für Chancengleichheit, sozialen Frieden und wirtschaftliche Stärke. Wer Kinder in maroden Gebäuden sitzen lässt, Bildungschancen nach Stadtteil sortiert und Schulbau zum Dauerprovisorium verkommen lässt, verspielt Zukunft. Frankfurt hat die Mittel, das Wissen und die Menschen, um es besser zu machen. Was gebraucht wird, ist der Wille dazu.

 

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